Geliebten Vögeln ungleich: am Boden bleiben

'Hermann W. war anders als andere Protagonisten', schreit der Buchrücken – im mindesten sinngemäss – initiierend entgegen. Denn Hermann W. ist nicht einer von denen: kein Mann des Wortes, kein Mann der Taten, keiner, der grosse Gedanken brütet; Hermann W. baut blaue Nester.

 

 

Jona Ostfeld, Der Seidenlaubenvogel

 

Hermann W. opfert Ostfeld den klassischen Helden, dadurch, dass er darauf verzichtet, neben makelloser Männlichkeit an Entschluss und Souveränität als etablierten Protagonistenqualitäten zu halten, und damit Platz für sein Gegenstück macht. Kein Taugenichts rettet die Welt, so auch nicht Hermann W., der sich darum zu befleissigen hat, allein in den Fallen des Alltages nicht unterzugehen. Selbstredend ist, dass er sich wiederholt mit sondergleichem Geschick in genau diesen verfängt, und kurzzeitig untergeht, um aufzustehen und sich abermals zu verfangen.

 

Nichtsdestoweniger vermisst man ihn keinen Augenblick, den klassischen Helden, weil Weltenretter längstens gekannt werden. Einen wie Hermann W. aber, den lernt man erst kennen, und kann noch erstaunt sein wie er handelt, seiner Mitwelt nur minimal ähnlich, und wie er weitergeht, seinen Gepflogenheiten ergeben bleibend, gleich dass sie ihm das Weitergehen nicht erleichtern.

 

 

Gitterstäbe für Finken, Gitterstäbe für Hermann.

 

Unveränderlich bleiben Gepflogenheit entsprechend die Zebrafinken hinter ihren Gitterstäben, an die Hermann W. mehr als einmal, gleich dass spasshaft, seine Worte richtet und denen er mit beständiger Fürsorge nächtlich den ihnen gehörenden Käfig zudeckt – womit er ihnen wohl mehr kommunikatives Brückenschlagen entgegen bringt als so manchen Menschen seiner Mitwelt.

 

Gleichbleibend auch der Apfel, den Hermann W. sich abendlich gönnt, setzt er sich mit einem Buch hin, den routinierten sonntäglichen Besuchen im Altersheim gleich, wo seine Mutter wartet, den Sohn – wiederum routinemässig – infolge fortgeführten Bücherstudiums zurechtzuweisen und ihn zu liebestechnischem Tatendrang aufzufordern, solange bis dieser verdrossen Mal um Mal zum Gehen ansetzt, um am nächsten Sonntag, nach wie vor lesend und ohne Frau, zurückzukehren. Hermann W. ist ein Mensch selbstgeschmiedeter Geradlinigkeit.

 

 

Worte sparen und Reden meiden

 

Hermann W. ist gleichermassen ein Mensch der Zurückgezogenheit, der es nicht darauf anlegt, andere Menschen zum wechselseitigen Zeitvertreib zu verlocken, gleich ob gesprochen oder agiert; weil er es nicht wünscht, und nicht vermag. Interaktion verhindert sich in Hermann W.'s Falle selbst, wo er doch kaum jemanden kennt, wie er seiner Mutter einst reserviert erklärt, und wo er sich doch selbst keinesfalls als ordentlichen Gesprächspartner sieht. Wo möglich, ist Hermann W. Zuhörer, nicht Redner, sitzend zwischen einer Hand voll Menschen, die selbst – alle gleichzeitig – meinen, ungemein viel mündlich vorbringen zu können. Darum auch, weil von jenen ihm Gegenüberstehenden nicht davon ausgegangen wird, dass Hermann W. etwas zu erzählen hätte. Was falsch ist.

 

 

Geliebten Vögeln ungleich: am Boden bleiben

 

Hermann W.'s Worte sammeln sich um Vögel. Er, der Ornithologe, der seit Jahren am seinem Vogelartenverzeichnis bastelt, im örtlichen Vogelverein fachsimpelt, dem Seidenlaubenvogel gleich in Blau ein Heim für die Zukünftige schafft, und erst durch Vögel Worte findet, Menschen zu erklären. Da ist die Elster, an die er sich erinnert, der diebische Schulkamerade; da ist der einstige Turnlehrer Schreiadler; der Strassenmusiker mit den Klängen der Nachtigall; und der Höckerschwan, reizvollstes Mädchen in den gleichen Schulbänken damals mit bestechlicher Nase.

Hermann W. ist der Kritiker, der ausser Vogelbüchern zu lesen nichts in seine Hände will, ein Schwärmer, der die Vogeltiere um die durch hohe Lüfte gegebene Freiheit beneidet – und der doch das Fliegen fürchtet.

 

 

Mutters Flügel binden

 

Angesprochene Mutter ist es, die für die vogeltechnischen Lehren ihres Sohnes wenig übrig hat, denn: es sind genau jene Lehren, die das Mutterherz um mutterherzliches Glück bringen – welches wohl in der Ergänzung des, muttermverschuldet, innerlich kindlich-befangenen Sohnes um richtige Kinder liegt.

 

Der Mutterkomplex findet mürbe Schilderung: beide, Sohn und Mutter, geben darum ein hoffnungsloses Gespann ab, weil sie doch niemanden mehr als sich gegenseitig haben. So ist die Mutter gleichzeitig einzige präzis gekannte Person wie Frau in seiner Nähe, die doch – in aller Einsamkeit – gekonnt in den Schwächen des einzigen Sohnes bohrt; und hierdurch 'immer so destruktiv ist', wie der Protagonist selbst sagen wird, um ihr die zu beantwortende Gelegenheit zu geben: 'Ich bin nur ehrlich, Hermann!'

 

Hermann W. hat also Angst vor dem Fliegen? Wohl auch weil er, gehalten von den Quengeleien der Mutter, damals bis gegenwärtig, nie fliegen gelassen wurde.

 

 

Beinschönheit

 

Es ist nicht so, dass Hermann W. kein Auge für Frauen hätte – tatsächlich hat er es, wie gezeigt wird, wenn nicht nur angesichts der engelsblonden Buchhändlerin, weiter auch bei Damen im Fitnesscenter und der frischen Speditionssekretärin festgetsellt wird: dass sie ihm recht gut gefallen, eigentlich ganz hübsch sind. Was bereits viel sagt - Frauen sind nie betörend, nie heiss, im wenigsten nicht ausgesprochen; Hermann W. wundert sich stattdessen, dass Beine gegenübersitzender Frauen gefallen können, und steht dann dennoch mit fehlenden Worten da, wird ein Streifen nackten Rückens erblickt.

Es bleibt bei der Angst vor Frauen, die Hermann W. in sich trägt, zu welchen die Mutter zwar wortreich rät, ohne dass die Worte den Sohn beflügeln würden.

Konstatiert wird von jenem schlicht: Auf Weibliches wirke er nicht anziehend, nie würde er eine Fremde ansprechen, blamieren wolle er sich nicht.

 

 

Ostfelds Ebenenspielerei und Hermann W.'s Vogelgestalten

 

Hermann W.'s Befleissigungen, im interaktiven, mütterlichen, femininen Alltag nicht unterzugehen, werden über sechzehn Episoden hinweg aufgezeigt. Dabei braucht es seine Zeit zu sehen: Die Episoden, eingeleitet von je einer Tatsache zum Protagonisten, sind nicht lediglich als Einzelstücke zu betrachten, sondern führen Schritt um Schritt, in eine Richtung ziehend, weiter. Ergänzt um ornithologische Speziesvertreter im Titel, wird die Geschichte vom Autor insgesamt auf den einen Nenner – jenen der Vögel – gebracht, ketten sich die titelbedingte äussere Aufmachung der Texte und die inhaltliche Leidenschaft des Protagonisten aneinander. Innerhalb Husers Illustrationen liegt derweil die zweite Vereinigung, diesmal aus Hermann W.'s Perspektive: Titelgemässe Vogelköpfe werden auf menschliche Gestalt, passend zu ihm in der jeweiligen Episode begegneten Personen, gesetzt.

 

Nein, Hermann W. rettet mit den von ihm geschaffenen Vogelgestalten, den erduldeten Bruchlandungen jeglicher Hinsicht und den Anfällen von Perplexität, besieht er sich seine Mitmenschen, nicht die Welt. Aber er schafft eines, letztlich: nach mehr als einem Untergang in Fallen, seine eigene Welt in neue Bewegung zu bringen.

 

Barbara Lussi